Einstieg und compound interest beim Lernen? Ein Text für Einsteiger.

Wer gelegentlich mal auf den Facharzt, das EDAIC oder ähnliche Lästigkeiten lernt, stellt fest, alles auf einmal ist mal echt viel. Wer einsteigt ins Thema Anästhesie ist leicht überfordert von all den Details in Pharma, Physio und Klinik. Der Patient, der akut krank ist, braucht jetzt und gleich die Differenzierung und das Wissen von 30 Jahren Anästhesie. Und der zuständige Oberarzt rastet, wenn nicht sofort alles auf Facharztniveau parat ist. Das geht doch gar nicht! Oder?

Nö. Geht nicht. Muss es aber auch nicht.

Wenige Dinge reichen für den Anfang:

Die Dosierungen der Einleitungsmedis eurer Klinik (Propofol, (Su-)fentanyl, Remifentanil, Rocuronium oder Atracurium), zweier Antidote (Sugammadex und Naloxon), Atropin und der wesentlichen Katecholamine (Adrenalin, Noradrenlin, Ephedrin, Phenylephrin, ggf. Theocaffedrin(D).)

An Physiologie genügen am Anfang Präoxygenierung als physiologisches Prinzip im Wechselspiel von Sauerstoffbedarf und FRC, die Tidalvolumina, Atemfrequenzen und ne Idee zum Unterschied von VCV und PCV. Das alles passt auf zwei Seiten Kittelbuch oder eine DIN A4 Seite, die man am ersten WE zusammenschreibt. Alternativ findet man den Kittelspicker hier und adaptiert ihn für die eigene Klinik.

Praktische Skills für die ersten Wochen sind Venflonlegen, Verkabeln und Maskenbeatmung, danach LaMa und Intubation. Spinale, PDA, Reginalverfahren sind goodies und haben Zeit! Inhaltlich reicht da sonst 4er oder 5er LaMa für Erwachsene und 7.0 oder 8.0 Tubus beim Erwachsenen zu wissen. Euer Hauptaugenmerk sollte auf einer Struktur liegen, überhaupt einen Ablauf für sich zu generieren, dass alles immer gleich geht, immer die selben Sachen an den Patienten gehören: EKG, NIBP, SO2, TOF, dann Venflon & Infusion, dann Medis, Notfallmedis, Laryngoskop und Tubus/LaMa, dann Maschinenfunktion… egal wie, Hauptsache eure Heuristik erlaubt, an alles zu denken. Patientensicherheit vor allem anderen! Also Kopf runter, Fokus und immer das selbe Schema ableiern. Der Dreiercheck wäre ein Beispiel und kann helfen. Dass so etwas gut funktioniert zeigt das ATLS-ABCDE im Schockraum oder die AMPLE in der Notfallanannese.

Was also heisst das für den Einstieg? Auf’s Wesentliche konzentrieren, fokussiert bleiben auf das, was man kann, eine Sache anfangen und beenden. Nichs nervt die anderen mehr, als wenn du deins nicht fertig machst und ihres behinderst! Gut gemeint ist an der Stelle eben nicht gut gemacht! Anästhesie ist Teameffort und meist hat deine Pflege oder dein OA eh den Überblick, der dir noch fehlen MUSS. Das ist in den ersten Wochen normal! Alles gleichzeitig machen zu wollen führt zu Chaos und Teamstress. Dein Goodwill fliegt dir also um die Ohren, wenn du alles machen willst. Was hilft? Kommunizieren! Ich mache das, machst du das bitte und zügig erreichen wir gemeinsam das Ziel. Deine Mitspieler wissen nicht, was in deinem Kopf abgeht! Reden und abgeben! Du kannst und musst nicht alles allein machen!

Noch eins. Du fühlst dich insuffizient. Ein Geheimnis: Das bist du in den ersten 12 bis 24 Monaten auch. Das ist so. Das muss so sein. Das weiss aber dein Team auch. Niemand fängt als Meister an. Klar gibt es Unterschiede, die gleichen sich meist aus. Aber dranbleiben muss man. (Und seins im Kleinen gut machen: zum Beispiel eben ankabeln, Medikamente richten, etc…) Hier kommen wir zum compound interest. Alles auf einmal lernen geht nicht. Punkt. Wer in den ersten Wochen nach 12 oder mehr Stunden den Resttag mit Bücherwälzen und ohne Schlaf und sozialen Ausgleich beendet, landet im Burnout. Zwangsläufig. Frag mich, da war ich anno 2009 – deshalb bin ich heute kein Chirurg mehr. Sowas lohnt sich nicht. Hab Geduld mit dir. Ein Thema pro Abend an Werktagen lesen. Eine Dosierung pro Tag. Wochenenden und Ferien sind tabu. Wer immer volle Pulle fährt gibt auf. Immer. Kontinuität und kleine Schritte führen zu winzigen Fortschritten, die aber irgendwann exponentielle Vorteile gegenüber Pulklernern und Überforderern bieten. Du kennst das aus Training oder Gelddingen! Einmal im Monat trainieren wie ein Stier? Das bringt Muskelkater und Gelenkschäden, aber keinen Waschbrettbauch. Beim Sparen bringt der regelmässig gesparte Zehner, der nicht wehtut über Jahre Zinseszinszuwächse. Als Einzelbatzen oft kaum stemmbar. Und beim Lernen? 5 Jahre Facharztzeit à 220 Arbeitstage sind 1100 Einzellektionen oder vielleicht 1 bis 2 der dicken Standardlehrbücher, von denen man ganz mühelos nur eine Seite am Tag gelesen hat. Das ist viel einfacher, als alles am Stück zu lesen!

Ich mag das Buch atomic habits von James Clear, denn genau darum geht es da. Er argumentiert mit exponentiellen Zuwächsen, wenn man regelmässig ein winziges bisschen tut. Er rechnet mit 1 Prozent Verbesserung pro Tag und kommt nach einem Jahr auf das 37fache des Ausgangswerts (1.01^365 = 37.78). Für unsere 1100 Arbeitstage als Assistent hiesse das 1.01^1100 und damit bei Wissen als Grundlage eine knappe Versechzigfachung (56,6) unseres Wissens. Für ein Promille immerhin noch eine Verdreifachung. Nun ist das sehr amerikanisch simpel gedacht und gerechnet und 1 Prozent Wissenszuwachs pro Tag wäre viel und schwer zu messen. Dennoch: die Kontinuität kleiner Schritte in der Theorie führt euch mit grossen klinischen Schritten zum Ziel! Habt Geduld mit euch! Und macht jeden Werktag einen kleinen Schritt zum Ziel.

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