Uneigentliche Nichtnüchternheit

Nüchtern ist man, wenn man 6 Stunden keine feste Nahrung aufgenommen hat, oder? Auch als Säugling? Und im Trauma? Oder als Schwangere? Es wäre schön, wenn es nur die 6h-Regel gäbe und sie überall gelte… aber wie sagt mein Sohn so schön: is halt nicht so, schauste halt. Und zu schauen, bzw. beachten gibt es a gibt es a hell lotta stuff:

  • Alter: Otto Normalverbraucher und Martina Mustermann dürfen laut bda bis 6 h vor OP noch ‚eine kleine Mahlzeit‘ essen, danach bis 2 h vor der OP ein Glas Wasser, klaren Fruchtsaft, Kaffee, Mineralwasser oder Tee, also alles ohne Zusatz von Fett, Alkohol oder Schwebstoffen zu sich nehmen. Neonaten und Säuglinge dürfen bis 4 Stunden vor OP gestillt werden (alternativ Flaschennahrung)
  • Fett-/Proteingehalt – Wer viel grillt, weiss: das Zeug liegt schwer im Magen. Und zwar dauerhaft. Fett länger als Protein. Soll heissen: Die 6 h für leichte Mahlzeiten sind nach fulminanten Gelagen zu wenig! Genaue Zeitvorgaben fehlen.
  • Alkohol: Wer trinkt mutet seinem Körper eine potentiell neurotoxische Substanz zu, die auch am Magen direkt per diffusionem die Innervation der Magenpassage lahmlegt. Wer nicht mit 0.0 Promille an den Start geht wird RSIert.
  • Schwangerschaft: Schmutz et al bestimmen den Zeitraum für eine RSI bei Schwangeren etwa ab der 20. SSW bis 24 h postpartum und die Refluxinzidenz auf 30-50%. Der gravide Uterus drückt eben alles nach oben, hormonelle Veränderungen bedingen eine Reduktion des Öffnungsdruckes des oberen Ösophagussphinkters, ergo steigt das Risiko für die Aspiration. Je nach Veröffentlichung wird teilweise bereits 12.-16. SSW geschrieben, ggf. sogar bis 2 Wochen post partum.
  • Akutes Abdomen & intraabdominelle Druckerhöhung Ileus, Peritonitis, Appendicitis, Cholecystitis, Perfusionsstörung, Infekt, Perforation, Aszites, Peritonealcarcinose, Tumormasse per se, alles was den intraabdominellen Druck erhöht und zu Funktionsstörungen im weitesten Sinne führt, stört die Passage, ergo RSI.
  • Trauma – ein direktes Abdominaltrauma gehört unter akutes Abdomen subsummiert, aber ein starker Sympathicotonus (Schmerz!) und damit ein relativ fehlender Vagotonus im periTrauma Stress auch ggf. bei der Radiusfraktur verlangsamt die Magenpassage. Analgetika wie Opioide fördern die gastrointestinale Atonie zusätzlich. Innert der ersten 24 Stunden ist Vorsicht geboten, das Maß hängt vom Trauma und dem individuellem Stresslevel ab. Passende zeitgerechte Anxiolyse kann da helfen.
  • veränderte Magenanatomie – bis zum Beweis des Gegenteils ist jeder Mageneingriff und jede Veränderung der gastralen und gastroösophagealen Anatomie eine RSI-Indikation – axiale Gleithernie, Hiatushernie, GERD, Pylorusstenose und klinischer Reflux indizieren ohnehin die RSI, aber auch Z.n. Magenbypass, Fundoplicatio (ja, auch die kann insuffizient sein!), Magenresektion, Magenrekonstruktion sind Merkmale für die mögliche Aspirationsgefahr.
  • Ösophaguspathologien – wo der Öso die Passage behindert ist die RSI indiziert – Ösophagusdivertikel, -strikturen, -stenosen, -fisteln (Kind!), -tumoren, Achalasie.
  • Diabetes – die autonome Neuropathie beim schlecht eingestellten Diabetes führt zur Gastroparese, aber auch die akute Hyperglykämie
  • Urämie – Nephropathen in Akut- oder fortgeschrittenem Stadium erleiden eine ggf. passagere urämische Neuropathie mit Gastroparese.
  • Porphyrie – der akute Schub der Porphyrie trägt das Risiko vegetativer Neuropathie mit Gastroparese.
  • Medis… u.a. Buscopan, Atropin, Opioide & Opiate, Betablocker, alpha2-Agonisten…
  • Neurogene Schluckstörungen können ein pitfall sein, absaugen ist in der Regel geboten
  • Tumormassen im Mediastinum seien kurz erwähnt. Sie bergen die Gefahr einer nicht zu intubierenden Verlegung des Atemweges unter Sedation, Narkose und Relaxation durch den tumorgewichtbedingten Kollaps und den relaxationsbedingt reduzierten Gewebetonus als mediastinal mass syndrome. RSI ist hier der falsche Weg! Der richtige Weg ist die suffiziente Anxiolyse, topische Anästhesie und wachfiberoptische Intubation!



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