Wakey, wakey! …immer druff mit Fluma?

Benzodiazepine sind ja zunächst mal recht gut verträglich, heisst: ihre therapeutische Breite ist weit, ergo kann man viel davon einwerfen, bevor man daran stirbt. Warum ist das so? Na ja, Benzos wirken via GABA(A)-Rezeptormodulation, erhöhen letztlich die Offenwahrscheinlichkeit des Chloridkanals und damit den Nettofluss an Chlorid über denselbigen. Am Ende stabilisieren wir damit das Membranpotential. Die Krampfschwelle sinkt, unser Patient wird ruhiger, schläft. Sind alle Rezeptoren besetzt ist ein Endgrad erreicht, der der theoretischen körpereigenen GABA-Wirkung entspricht, eben nur bis zu dieser (im Gegensatz zu den Barbituraten übrigens!). Glücklicherweise also einer, die mit dem Leben prinzipiell vereinbar ist, vorausgesetzt man kriegt keine Atemwegsverlegung oder aspiriert.

Nun freuen wir Pharmanerds ja immer über schöne (also nebenwirkungsarme) Antagonisten (Hmmmm… Sugammadex) und auf jedem Wagen finden wir Naloxon und Anexate als Antidota (könnten wir gelegentlich das Neutrum und seine Pluralformen wieder berücksichtigen? Ich krieg bei Antidoti immer Pickel…)… und simmer ehrlich, das verspritzt man recht sorglos, oder? Ja nicht!

Ich durfte unlängst mal wieder als Mäuschen einer Elektrokrampftherapie beiwohnen und ein etwas forscher Einsatz von Anexate führte zu einem Gespräch über die Nebenwirkungen von Benzodiazepinantagonisten… Neben Übelkeit (von was nu? Von der Benzointoxikation oder vom Antagonisten?) kommt es häufig zu Krampfanfällen und malignen Rhythmusstörungen, v.a im Sinne supraventrikulärer Arrhythmien. Gerade Patienten mit einer Epilepsieanamnese oder langjährigem Benzoabusus (Geriatrie!) bringen ein gesatteltes Risiko für epileptiforme Krämpfe nach Anexate mit. Der Mechanismus lässt sich kurz erklären… Anexate knockt den Basisflow an Chlorid durch Rezeptorblockade aus (genaugenommen nur Verschiebung der Dosis-Wirkungsbeziehung von GABA im Sinne einer Downmodulation, anyways) und damit die Membranstabilisierung aus, die Krampfschwelle sinkt und schon fängt einer möglicherweise an zu zucken. Kardialerseits ist soweit ich das sehe keine direkte Rezeptorinteraktion der Auslöser sonder vermutlich die überschiessende sympathikotone Reaktion durch den akuten Wegfall zentralnervöser Dämpfung (analog den akuten ACS bei Opioidabhängigen unter hochdosiertem Naloxon).

Penninga et al. haben da ein wenig zusammengefasst, was es zu sagen gilt: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26096314/

Wer übrigens zu viel Benzos im Rahmen einer Hirndrucktherapie erhalten hat oder eine Mischintoxikation mit Anticholinergika oder Stimulantien hat, profitiert auch eher nicht von Anexate… den schiessen wir damit dank Sympathikusüberaktivität eventuell Richtung Einklemmung, ZAS, Hyperthermie oder ähnlich unerfreulichen Folgeerscheinungen…

Also weniger ist mehr und titrieren ist besser als reanimieren. Zieht euch das Zeug in NaCl auf, also z.B. die übliche Ampulle à 0,5 mg in 5 ml auf 10 ml und arbeitet fein titrierend mit halben Millilitern (0,05 mg-weise) symptomorientiert bis zur suffizienten Eigenatmung, bzw. Pharynxkontrolle. Blitzewach muss nicht sein, schon gar nicht auf die orthopädische Art mit „1 Patient 1 Ampulle“. Über 1,0 mg lieber nochmal nachdenken, übliche Dosen liegen bei 0,25 bis 0,5 mg.

PS „Aufwecken“ nach Propofolnarkose ist keine lautere Idee… der Mechanismus von Propofol ist ein anderer (via β3 beim Propofol vs. spezifische Benzobindungsstelle an α/γ)… das ist pharmakologischer Bullshit…

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