„Warum machst Du das eigentlich?“

Vergangene Woche fragte mich ein offensichtlich über die Tatsache, dass mir Lehre an sich Spaß macht und ich versuche, sie im Klinikalltag unterzubringen, überraschter Assistent, warum ich das eigentlich täte? Er bekam als Antwort ein etwas schnippisch-sarkastisches „Wenn du es kannst, muss ich`s nicht machen!“.

Und, stimmt das? Ja auch. Gerade am Anfang von Boa habe ich diese Diskussion öfter geführt. In den letzten drei bis vier Jahren habe ich den Sinn meines Tuns als Lehrer auch oft genug bezweifelt und hadere auch immer mal wieder damit, weiter zu unterrichten – schließlich kann ich mein Zeug, allein meist schneller, ich müsste nichts teachen, aber ich mach es halt gern. Und nichts ist schöner, als zu sehen, wie einem ein Licht aufgeht oder jemand in der Anästhesie selber zu laufen anfängt. Ich werde nicht kleiner, nur weil ein anderer größer wird. Im Gegenteil. Ich freue mich, am Erfolg, am Schulterschluss.

Ich denke oft an meine Zeit als Assistent. Ich hatte niemanden, der mir freiwillig was gezeigt oder erklärt hätte. „Sie sind Arzt, können sie nicht lesen?“ und „Das müssten Sie eigentlich aus dem Studium wissen!“ waren noch die harmlosesten Kommentare. Workshops, Nahtkurse oder nen Oberarzt der nachmittags länger blieb, um Ultraschallanatomie zu präsentieren? Das gab es nicht. Aber viel Gegenwind, wenn man etwas nicht gleich konnte, etwas gemacht hatte, das man sich mühsam angelesen hatte, mit dem man dann aber die zuvor nicht kommunizierte Erwartungshaltung nicht erfüllt hat. Wie denn auch? Nicht sagen wie`s sein soll lässt einem ja viele Optionen, ein schwächeres Gegenüber noch kleiner zu machen. Überhaupt wurde in meiner frühen Assistentenzeit viel gebrüllt und wenig gelehrt. Aus dieser Zeit stammt dann auch eine der Präambeln für BoA: „Werde, was dir selbst im Studium und der Weiterbildung gefehlt hat“. Angst und Scham waren noch nie sonderlich geeignet, um einen Lernprozess zu unterhalten.

Die Kehrseite der Medaille sind weniger schöne Begegnungen, die mich immer mal traurig oder ratlos und enttäuscht zurücklassen. Die ehemaligen Assistenten, die einem nach kurzer Zeit an einer Uniklinik zu verstehen geben, man sei ja nur Wald- und Wiesenpersonal und bekäme die Karriere ja nicht auf die Reihe, das „Du nervst mit deiner ewigen Fragerei.“ oder die unverbesserlich Gleichgültigen, die weder zuhören, noch selbst nachlesen, für deren Handeln man aber die Verantwortung hat und an deren Verantwortungsgefühl gegenüber dem lebenden, denkenden und fühlenden Wesen Patient man nur immer wieder sinn- und hilflos appellieren kann. Manchmal ist es ein Prozess. Heutzutage hat sich aber etwas verändert. Es gibt eine Anspruchshaltung im Sinne von Lehre muss sein, als gäbe es ein Recht darauf… mitunter geht der Aspekt des Mehraufwandes, der Freiwilligkeit und des Außergewöhnlichen ein wenig unter. Mitunter scheint Kritik verboten. Aus Angst, das eigene Nichtwissen gespiegelt zu bekommen? Aber dein Oberarzt ist nicht deine Mama… letztlich muss er nur dafür sorgen, dass der Laden läuft und die Patienten am Ende besser raus kommen, als sie am Anfang rein kamen und das halbwegs kosteneffizient. Wenn Defizite aufgedeckt werden, besteht die Chance sie auszugleichen… lieber da, wo nur das Ego ein wenig leidet, statt der Patient. Eine grundlegende Erwartungshaltung finde ich dann immer ein wenig interessant. Gilt die dann auch an sich selbst? So ein gemeinsames Vorankommen, ein bisschen Vorgekautes, ein wenig Selbsterarbeitetes? Als Assistent ist es manchmal schwer die Balance zu finden zwischen Kompetenzwunsch und Hilfebedarf… der Patient geht aber vor… dazu gehört auch, zugeben zu müssen, dass man etwas nicht weiss. Hilfe anzunehmen und die kleine narzistische Kränkung anzunehmen, die da am Selbstbild zerrt.

Aber dann steh ich nachts wieder mal mit einem „meiner“ Assistenten im Saal und der erste ZVK flutscht, der Ischiadikuskatheter sitzt auf Anhieb, die RSI funzt, die erste Thoraxdrainage oder der Doppellumentubus liegen ideal und dann leuchtet da ein stolzes Paar Augen auf. Und dann mach ich`s auch wieder gern…

Warum schreib ich das? Nun vermutlich weil der Rotwein zu gut war. Kommt gut in die Woche!

Und an all die Jungs und Mädels, die ich begleiten durfte und darf: Ich bin stolz auf Euch! Passt auf Euch auf!

2 Kommentare

  1. Hallo Michel !

    Vielen Dank, dass du dich unermüdlich mühst der zu werden der deine Ausbilder nie waren. Das ist ein heheres Ideal und der Weg dorthin ,wie man aus deinen Texten herausliest, doch durchaus mit einigen Durststrecken gepflastert. Auch wenn du manchmal das Gefühl hast dass es nicht gewertschätzt wird, was du dir für eine Arbeit machst, so hast du doch die Ausbildung vieler Kollegen, einschließlich meiner, positiv beeinflusst. Es wird immer Menschen geben die überheblich und arrogant sind – aber es gibt halt auch viele die sich nicht unbedingt öffentlich äußern. Mittlerweile scheint dein Blog eine feste Größe geworden zu sein – denn in letzter Zeit, wenn ich dein Blog weitergebe höre ich häufiger „das kenn ich schon, das ist toll“. Mach weiter so auch wenn du gerade das Gefühl einer blöden Durststrecke hast, denn du beeinflusst durchaus mehr Menschen als du gerade siehst.

    Isabelle

  2. bin zufällig auf deine Seite gestoßen und dieser Kommentar trifft es auf dem Punkt. Auch ich habe diese „alten Zeiten“ noch als Assistent erlebt – sowohl in einem kleinen Haus als auch dann nach dem AiP in einer Uniklinik. Heute bin ich als „Großer“ in einer anderen Uniklinik tätig und ich sehe die Dinge genauso, wie du. Auch, wenn es manchmal – wie beschrieben – immer noch Gegenwind gibt, so sind die Zeiten doch für Kollegen wie uns viel besser geworden und wir sollten zuversichtlich weiter so machen !

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.