Empathie?

Ich sitz so im Kaffeeraum hinter dem Haupt-OP-Trakt und gehe dem Tagwerk nach, trinke also den inzwischen – es ist bereits halb 10 Uhr morgens – sechsten Espresso, als ich unfreiwillig und in der Folge etwas betrübt dem Raptus eines unserer Praktikanten zuhören darf, der sich lauthals über einen Patienten auslässt, den er – ich verzichte bewusst auf die gewählten Ausdrücke – offensichtlich als störrisch, dumm und störend empfand. Das ganze dauert dann auch etwas an und biegt in diesen heutzutage so modischen Gestus vermeintlich gerechter Empörung ab, die sich vor allem durch Wiederholung auszeichnet. Vor 3 Jahren noch hätte ich mich wohl auf ein Gespräch eingelassen, heute ist es mir zuwider, den erfolglosen Versuch zu starten, Empathie, Menschlichkeit oder auch nur Kinderstube in dieses verstockte Hirn ohne Herz zu bringen. Belästige ich Euch eben ein wenig damit.

Unlängst las ich den Satz, man könne nur verstehen, was man im Leben anderer anrichte, nachdem man es selbst durch andere Hand erlitten habe. Nun, ich hoffe, dass trifft nicht zu, scheint mir dennoch greifbar. In 2016 durfte ich, damals notfallmäßig auf der scharfen Seite der Nadel gelandet, die Wirkung verschiedener Formen ärztlichen und pflegerischen Handelns erleben. Mich hat das damals in zwei Richtungen verändert. Ich habe noch viel weniger Verständnis für patzige, abgehobene Kittelständer mit unausgegorenem Fachwissen und dafür umso ausgeprägtetem Egoverhalten einerseits, auf der anderen Seite habe ich noch ungleich mehr Verständnis und Ruhe für die Belange der Patienten.

Macht euch bewusst, was es heisst, wenn man plötzlich in den Mühlen der Medizin landet – als Patient wohlgemerkt, nicht als Arzt. Für uns ist diese Begegnung Alltag. Für den Patienten eventuell die erste – wollen wir es ihm oder ihr wünschen – ggf. einzige Erfahrung mit dem Gesundheitswesen, vielleicht aber auch die x-te mit vielen schlechten Erfahrungen. Also, den besten Eindruck während dieser einmaligen Erfahrung hinterlassen. Wo wir vielleicht müde oder angegrätzt sind, ist auf der anderen Seite existentielle Angst, Ausgesetztheit, Schmerz, vielleicht sogar die Angst nicht mehr aufzuwachen – alles geht sehr schnell, unzählige Gesichter und Namen. Das Mindeste was man da erwarten können sollte, ist Respekt und Rücksicht. Bemüht euch wenigstens um Lächeln und Freundlichkeit. Man muss ja nicht gleich alle busseln, aber korrekt und freundlich sollte immer gehen… Lieschen Müller kann nichts dafür, dass du mit dem falschen Fuss aufgestanden bist. Ihr ist ihr Coloncarcinom da vielleicht auch wichtiger. Sie das mit dem falschen Fuss aber auch noch merken zu lassen, ist unärztlich.

Dann sticht einem plötzlich mal irgendein rosabäckiger Backfisch zum 6. Mal erfolglos schmerzhaft durch sämtliche Vater-Paccini-Körperchen aber an der Vene vorbei oder hämatomreich quer durch in den Unterarm… erstaunlicherweise tut das weh… zusammen mit Angst und Stress eher mehr als weniger. Dass da die Geduld gelegentlich reißt, sollte klar sein. Den Patienten dann zu behandeln als sei er schuld oder noch besser, was von „Rollvenen“ zu quatschen… ernsthaft? Entschuldigt Euch, holt den Ultraschall oder lasst jemanden ran, der’s besser kann. Nach 3mal nix ist Schluss… das geht mir auch nach bald 20 Jahren manchmal noch so, aber der Patient kann – wieder mal – nichts dafür. Auch nicht für Eure in Wut verwandelten Versagenserfahrungen. Die wenigsten suchen sich ihre Anatomie übrigens aus. Und bevor der Einwand kommt mit den Dicken und den Ex-I.V.lern – auch die haben Mitgefühl verdient und keine unreife Herablassung.

Nackig oder im popofreien Nachthemd gehts dann mitunter durch die Flure, über die Schleuse und auf den OP-Tisch. Im OP schaut man nochmal schnell unter 12 bis 14 Augen auf das OP-Areal und lüftet dabei selbst die letzten der Gravitation unterworfenen anatomischen Geheimnisse. Ehrlich? So kalt? Dieselben Assistenten und -innen, die gerade in der Umkleide schamhaft den Eckplatz gesucht haben, aus Angst, irgendwer könnte irgendwas sehen, reissen hier dem Patienten den Kittel weg, als gäbe es kein Morgen. Ein ganz grosses Geheimnis: Patienten sind kein Stückvieh. Privatsphäre zu achten, selbst während Narkose und OP sollte selbstverständlich sein. Deckt doch bitte ab, was ihr selbst nicht blank präsentiert haben wolltet. Und wenn da jemand wach ist, umso mehr. Die Frage danach, ob es den Patient*Innen kalt ist und ob sie noch eine Decke möchten, hilft oft viel.

Auch so ein Ding ist das mit der Kommunikation. Stellt Euch vor. Das sollte selbstverständlich sein, leider ist es das nicht. Und vorstellen heisst auch, sich vor den Patienten stellen. Was das heissen soll? Liegt jemand vor Euch auf dem Tisch, kommt nicht vom Kopf her und von oben. Lauft um den Tisch herum und stellt Euch vor, wie man das eben macht, von Angesicht zu Angesicht. Auch wenn euer Patient blind ist oder dement. Alles andere macht vor allem eins: Angst. Und Hautkontakt, schon der beim Händeschütteln, schafft Nähe und reduziert Angst. Und ja, man kann sich danach die Hand desinfizieren. Den Patienten das Gefühl zu geben, sie seien ekle Dinge, die man nicht mal berühren wolle ist – na, was, genau unmenschlich.

Überhaupt Angst. Es gibt den Satz, das beste Anxiolytikum sei der zugewandte und aufmerksame Arzt. Und genau das sehe ich so. Ich quatsche meinen Patienten oft n Brötchen ans Ohr, auch um Sie abzulenken. Immerhin schläft das Gros lachend ein. Aber ich frage auch immer die selben Sachen – immer! Welche? Voilà, z.B.

  • Haben Sie noch Fragen?
  • Möchten Sie noch etwas zu Entspannung?
  • Können wir noch etwas tun, um es angenehmer für Sie zu machen?
  • Liegen Sie bequem? Brauchen Sie noch ein Kissen unter Kopf oder Knien?
  • Ist Ihnen kalt, brauchen Sie noch eine wsrme Decke.
  • Dürfen wir anfangen?

Das Gefühl auch in solchen Situationen noch entscheiden zu können, ist extrem wichtig. Das Gefühl, dass mein Gegenüber mich als Mensch wahrnimmt auch. Klar ist das banal. Aber viele Banalitäten sind dennoch wichtig. Genauso das Gefühl, dass da jemand ist, den es interessiert, der nicht nur Schema fährt. Das heisst auch manchmal unkonventionell sein, einen blöden Spruch klopfen oder den Patienten nochmal telefonieren lassen… 2016 ging’s für mich mit inkomplettem Querschnitt und Staphylokokken in der Blutbahn via IPS in den OPS, alles ging schnell und überfordernd, aber einer hat mich gefragt, ob ich noch etwas brauche, bevor’s los geht und als ich bemerkte, dass ich gern meinen Junior nochmal gesehen oder gehört hätte, hatte ich noch auf dem Tisch sein Handy in der Hand. Kleine Geste, grosses Herz. Danke.

Aber auch das umgekehrte ist mir passiert. Verlacht und für verrückt erklärt zu werden, weil das eigene beschränkte Spektrum des ärztlichen Personals nicht zur Realität passt, ist bestenfalls armselig. Es ist NIE richtig, einem Patienten den Mund zu verbieten, ihn auszulachen oder seine Ängste und Wahrnehmungen zu diskreditieren – und dabei ist es egal, wie universitär man sich in seiner Verblendung findet – ärztliches Handeln ist das nicht. Zumal wenn man dann auch noch fachlich unrecht hat. Ein Arzt handelt auf Augenhöhe. Partnerschaftlich mit und für seine Patienten. So, jetzt isses endgültig ein Wort zum Sonntag geworden. Genießt Euer Wochenende!




5 Kommentare

  1. Ich schick Dir jetzt mal unter uns Burschen (also „Jungs“, westlich von Bayern 😉) ein herzliches, ehrlich gemeintes ❤ aus Linz… Danke für diesen Beitrag!!! Eigentlich für alle, aber für diesen hier besonders…

  2. Seit Jahren keinen so guten und ehrlichen Beitrag mehr gelesen! Solch eine Art von Weiterbildung/Inspiration sollte schon in der Uni stattfinden, anstelle von TGFbeta und Transmembrandomänen der G-Rezeptoren! Forschen kann, wer forschen mag, aber Empathie sollte jeder haben! Herzlichen Dank, sehr gerne mehr davon!!!

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