Atropin dosieren?

„Der Herr schuf die Ampulle, auf dass der Mensch ganze Ampullen verabreiche.“… so denk so mancher Kollege anderer Fachrichtungen als der Anästhesie mitunter und spritzt sich gleichsam ein wenig blind durch seine Laufbahn… manchmal mit Glück, manchmal ohne selbiges… zumindest für den Patienten…

Atropin als kompetitiv antagonistisch wirksames Parasympatholytikum an muskarinergen Acetylcholinrezeptoren hat ja nun seine bekannten Nebenwirkungen (Mundtrockenheit, Tachykardie, Hyperthermie, Mydriasis, sehstörungen, Verwirrung, Harnverhalt…)

So eine Standardampulle in Deutschland enthält 0,5 mg Atropin, meist als Sulfat. Und? Ist das viel oder wenig oder genug? Die Schweiz beglückt mit vorgefertigten Spritzen mit 1,0 mg in 0,1 mg/ml. Und, ist das eine sinnvolle Alternative?

Also, Otto Normalverbraucher (der Max Mustermann der frühen Jahre) wiegt 70 kg. 0,5 mg iv. entsprechen 0,007 mg/kg.

Lise Müller wiegt mit ihren 80 Lenzen noch 50 kg Eine Ampulle ergäbe 0,01 mg/kg.

Noah Meier wiederum wiegt als moppeliger Neonat knapp 4 Kilo. Für ihn wären es dann 0,125 mg/kg.

Und bei wem passt die Dosis?

Fangen wir mal mit der physiologischen Obergrenze an. Eine komplette Vagusblockade erreichen wir im Schnitt mit 0,04 mg/kg… beim 70 kg Otto also mit knapp 6 Ampullen oder etwa 3 mg Atropin. Darüberhinaus ist eine Dosierung eher Unsinn, zumindest ohne Alkylphosphate in der Blutbahn. Neurologische Nebenwirkungen im Sinne des ZAS, bzw. der Atropinintoxikation werden führend sein. Eine Zunahme kardialer Nebeneffekte ist ab der totalen Blockade parasympathischer Ganglien nicht mehr zu erwarten.

Grenzen wir das „Oben“ ab, dann folgt die Frage nach dem „Unten“. Da sollte man „paradoxe Bradykardien“ im Hinterkopf haben. Soll heissen, es kommt bei zu langsamer oder zu geringer Gabe zunächst zu einer Hemmung der M1-Rezeptoren präsynaptisch, was kurzfristig zu einer vermehrten Ausschüttung von Acetylcholin und entsprechender Bradykardie führt. Kurz erklärt heisst das also: zu flaches Anfluten blockiert die präsynaptischen vor den postsynaptischen Rezeptoren und führt also ersteinmal zu einem Mehr an parasympatischer Aktivität.

Adäquate Dosen mit ausreichend schneller Anflutung wirken primär über M2-Rezeptoren im Bereich der Schrittmacher (von Sinus und AV-Knoten), wo die gewünschte Tachykardie durch die Parasympatholyse vermittelt wird.

Was nun aber zu langsam und zuwenig ist, lässt sich in praxi nur bedingt bantworten. Deshalb mal wieder eine Heuristik:

0,01 mg/kg – beim Kind jedoch mindestens 0,1 mg zügig injiziert

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