Die Wanne ist voll… die Blase auch?

„Der Patient in der 4 hat noch kein Wasser gelassen nach der Spinalen“ ‚Das ist 6 h her!?’… und nu? Ist Otto nu anurisch, vesikoplegisch oder spannt sich das Bläschen bereits wie ein Medizinball im Becken aus und überdehnt platzensreif die dünne Blasenwand? Fragen über Fragen, die uns ein paar einfache Schritte schnell beantworten.

  1. Patient fragen. Druck, Dranggefühl, Schmerz? Kann er/sie?
  2. Monitor fragen. Tachykardie, Hypertonus? Tatsächlich ist ein neu auftretender therapierefraktärer Hypertonus oft genug mit einem Harnverhalt vergesellschaftet. Gerade der demente Patient kann uns nicht über seine Misere aufklären. An`s Bläschen denken!
  3. Patient anfassen. Wenn man die Melone über die Symphyse schon tastet, wird die Blase wohl voll sein
  4. Und natürlich ist der Goldstandard unser Freund in allen Lebenslagen: Sonny Ultrasound… mach halt nen Schall!

Nun, wie schallt man die Blase an und wie quantifiziert man, was drin ist? Also, erstmal den Sektorschallkopf (das ist der mit der gewölbten Oberfläche und den niederen Hertzangaben), denn das ist bereits ein abdomineller Tiefenschall.

Dann suchen wir uns die Symphyse, die wir in der Regel auch unter einem Speckmantel finden und sagen unserem Patienten, dass es jetzt gleich arg drückt. Denn das sollte es, sonst sehen wir nichts. Also: zarte Zurückhaltung macht blind. Zum Schall wird aufgedrückt. Und zwar schaut der Markierungsnupsi (oder -pinökel oder -dingsbums) nach patientenrechts und die Orientierung der Schallebene ist zunächst transversal oberhalb der Symphyse und wir kippen den Schallwinkel einfach etwas auf und ab. Kommt dann eine dunkle Struktur mit etwas Schallverstärkung kaudal ins Bild wird’s wohl die volle Blase sein. Treibt eine exakt runde Zyste drin rum, liegt da der Cuff des offensichtlich verstopften Katheters, den wir da eventuell ebenfalls sehen und bei voller Blase dann entblocken (hier im Sinne von durchgängig machen) sollten. Liegt da nur der runde Ballon ohne Blasenfüllung, ist die Blase wohl leer und der Patient anurisch oder der Beutel wurde falsch abgelesen. Ja, auch daran muss man denken.

Aber eine Frage zum Detailwissen… wie voll ist voll? Was ist ein normales Blasenvolumen und wann ist die Blase überdehnt?

in 2 orthogonalen US-Ebenen ausmessen: transversal: Breite und Tiefe, sagittal: Höhe und Tiefe

Nun zunächst müssen wir die Blase ja dem Volumen nach ausmessen. Einen ideale Kugel hätte das Volumen:

Kugelvolumen VK=4/3 π⋅r3

Nun ist unsere Blase im besten Fall ein Ellipsoid mit den Radien (Halbdurchmessern) a, b, c

Ellipsoidvolumen VE=4/3 π⋅a⋅b⋅c

Wir messen also 3 Durchmesser der Blase in Tiefe T, Breite B und Höhe H über der Symphyse, dazu müssen wir den Schallkopf einmal um 90 Grad drehen. Grob orientierend messen in ganzen Zentimetern reicht. Dann berechnen wir:

VB=4/3 π⋅T/2⋅B/2⋅H/2 also

VB=1/6 π⋅T⋅B⋅H

und wer es einfach mag, denkt sich angesichts der Messungenauigkeit π als etwa 3 und kommt auf die

Daumenregel Blasenvolumen: VB=1/2⋅T⋅B⋅H [in ml]

Und wo liegt jetzt so ein normales Blasenvolumen?

Nun, das ist alters- und geschlechtsabhängig, für uns dürfte auf die Gefahr hin, dass mich die urologische Zunft gleich verdammt, als Orientierung für die Obergrenze normal tolerabler Füllung 400-500 ml (also cm3) gelten, die Blasenkapazität erreichen wir gegen 1000 ml/ cm3, da lohnt sich der Katheter! Kurz: um oder über 500 und ne Klinik für nen Harnverhalt (‚Nix geht‘): Katheter!

Ob Einmal- oder Dauerkatheter hängt von verschiedenen Parametern ab. Ambulant vs. Stationär? Dement? Agitiert? Vorerkrankung mit Risiko der Re-Stauung? (Prostatiker, neurogene Blasenstörungen, etc…) und, und,und.

PS: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Bei Eingriffen über 2 Stunden und erwartetem Volumenumsatz lohnt der intraoperative Katheter fast immer. Dann aber bitte vorab darüber aufklären! (Schmerz, Verletzung, HR-Striktur, Blutung, Infekt, etc…)

PPS: Wenn man schon weiss, dass es schwierig wird (Stichwort fussballgrosse Prostata) besser den Urologen rufen und nen Thiemannkatheter (der mit dem Rüsselchen) in 14 oder 16 richten.

PPPS… liebe Freunde der Spitzfindigkeit, ja, ihr habt recht, wenn die Blase sich im Schall wie eine Schachtel darstellt, dann ist auch LxBxH legitim… tut sie aber MEIST NICHT, ZEFIX!

2 Kommentare

  1. Kleine Anmerkung zum PPS: Bei Männern und schwieriger Katheteranlage am besten einen Thiemann-Katheter (abgeknickte, konische Spitze) für den Urologen richten (wenn man einen hat und der Urologe nicht selbst einen mitbringt).

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