Ideen aus der Wunderwelt chirurgischer Argumentation

Nehmen wir einmal den völlig unwahrscheinlichen Fall an, wir hätten einen Patienten auf dem Tisch und dieser würde operiert. Und dann bräuchte es Relaxation. Und noch viel unwahrscheinlicher in dieser völlig ausgedachten Geschichte wäre unser Chirurg ein wenig misslaunig und unzufrieden mit der Relaxation, denn wie wir ja wissen, ist diese, bzw. ihre mangelhafte Anwendung durch die Anästhesie der einzige Grund für ein non-favourable outcome unserer Patienten. Unser chirurgisch tätiger Kollege muss also sicher sein, dass die Schlafmütze auf der anderen Seite der Blut-Hirn-Schranke ihre Arbeit auch tut. Und dazu muss er, da man den Anästhesisten und ihren Aussagen zum Relaxationsgrad nicht trauen kann selber testen, ob ausreichend relaxiert ist. Was tut er also? Er nutzt evidenzbasierte Methoden aus dem Baukasten chirurgischer Handlungsalternativen. Klopft zum Beispiel mit dem Pinzettengriff auf die Muskulatur oder stromt mit Mono- oder Bipo und was sieht er in beiden Fällen? Na klar! Wie immer nicht relaxiert… es zuckt!

Nun, je älter man wird in der Anästhesie, desto weniger hat man Bedürfnis, Licht ins Dunkel physiologischen Halbwissens in anderen Abteilungen zu bringen. Hier lohnt aber vielleicht zum Schutz unserer Youngsters der Aufwand.

Relaxation mit den gängigen Muskelrelaxantien findet ihren Angriffspunkt an nikotinergen Acetylcholinrezeptoren und blockt eben diese. Steroidderivate und Benzylisochinolone tun das im Sinne eines kompetitiven Antagonismus nicht depolarisierend, Succinylcholin depolarisieren. Soll heissen wir blockieren die neuro-muskuläre Überleitung. Sonst nichts. Nur den Sprung des AP über den synaptischen Spalt – Punkt. Mehr nicht. Nicht die Ausbreitung des Membranpotentials entlang der Muskelmembran in die Tiefe zum Endoplasmatischen Retikulums. Nicht die Aktivierung des Ryanodinkomplexes, nicht die Calciumfreisetzung aus dem ER. Soll heissen Eigenreflexe auf spinaler Ebene, bewusste Ansteuerung und der Basistonus soweit er neuronal vermittelt wird, werden ausgeschaltet.

Klopft nun so ein primomotorischer Kittelträger mit seiner Pinzette auf den Muskel zuckt es dennoch – das hat aber nichts – NICHTS – mit dem Relaxationsgrad zu tun. Ein Schlag auf die Muskelzelle stört die Membranfunktion und die Poolfunktion des endoplasmatischen Retikulums. Kurz: Klopft man auf den Muskel, löst man eine Potentialänderung aus und damit eine Calciumfreisetzung – ergo zuckt`s auch unter Vollrelaxation oder Denervierung. Das wäre dann eine elektromechanische Kopplung. Ähnlich übrigens auch – man höre und staune: Strom löst Potentialänderungen aus – wenn man direkt Strom in Form von Bipo und Mono an den Muskel legt…

Noch ein Zitat aus meiner Zeit als Assistent gefällig? Viszeralchirurg „Anästhesie, der Patient presst, so kann ich nicht operieren! Und da, wieder… und wieder…!“ Moi: „Werter Doktor N., der gebildete Kollege bezeichnet dieses Pressen gemeinhin als Beatmung.“ PS: im Englischen bezeichnet das Adjektiv „visceral“ – zum Beispiel im Sinne von „visceral decision“ – etwas, das wir aus dem Bauch heraus tun, dict.cc übersetzt es gar mit „ohne Einbeziehung des Verstandes“… well, well…

Zur Ehrenrettung der Kollegen. Es stimmt natürlich, dass unter Relaxation Eigenreflexe der Muskulatur (also spinale Reflexbögen, bzw. deren Efferenz) ausfallen. Insofern zuckt es weniger unter Relaxation. Aber eben nicht nicht.

2 Kommentare

  1. Danke! Diesen Text hätte ich am besten schon zu Beginn meiner anästhesiologischen Tätigkeit gebraucht. Es erscheint den meisten Lehrbuchautoren zu trivial, um es zu erläutern, ist im klinischen Alltag aber so wichtig…

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