Sojaallergie und Propofol

Glycine_max_003Propofol (Disoprivan) ist des Anästhesisten liebstes Kind… Narkotisch, leicht antiemetisch, schnellwirksam, gut steuerbar, relativ kurze Wirkhalbwertszeit, wenig Histaminliberation, als Paravasat harmlos, bei maligner Hyperthermie ist es verwendbar… gut, es kann bei der Injektion schmerzen und gelegentlich ist die Vasodilatation etwas stärker als gedacht. An sich aber die eierlegende Wollmilchsau der Anästhesie in Narkose und Sedierung.

Aber: Propofol kommt als Emulsion in den Handel… die weiße Farbe kommt vom Sojalecithin, das als Lösungsvermittler dient. Propofol selbst ist hellgelb und klar. Nun stellt sich die Frage, ist eine Sojaallergie eine Kontraindikation für die Verwendung von Propofol? Laut Herstellerinformation ja.

Aber ist das gerechtfertigt? Nun häufig bestehen Allergien gegen hitzelabile Antigene des Soja (GlyM4 – Glycine ist die Gattungsbezeichnung der Sojabohne), Kreuzallergene bei Birkenpollenallergikern, die allenfalls lokale Symptome in Mund und Rachen verursachen, jedoch in höher prozessierten Produkten nicht mehr vorkommen oder selten als Kreuzallergie gegen Erdnüsse gehen GlyM5 und GlyM6, die hitzestabil sind und schwere Reaktionen auslösen können. Die Arbeitsgruppe Allergologie der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie hält einen Verzicht auf Propofol bei solchen Patienten für nicht angebracht. Allergisierende Anteile des Sojaproteins seien aufgrund der Prozessierung und Aufreinigung nicht mehr in solchem Maße im Propofol enthalten, dass es Allergien auslösen könne. Große Studien fehlen hier aber. In ihrer Stellungnahme verweist die ÖGDV auf verschiedene Referenzen (http://www.allergologie.at/fileadmin/uploads/dokumente/Soja_in_Medikamenten050215_neu.pdf).

Abschliessende Stellungnahmen der deutschen oder schweizerischen Fachgesellschaften stehen noch aus. Nun im klinischen Alltag ist ein Einsatz gegen die Herstellerempfehlung und bei schwieriger Datenlage mit entsprechenden Haftungsrisiken verbunden. Auch wenn die Pharmakologie/ Pathophysiologie dafür sprechen v.a. bei Birkenpollenallergikern (nicht Erdnussallergikern!) mit möglicher Sojakreuzallergie kein wesentliches Risiko einzugehen, muss der einzelne Arzt für sich abwägen, ob er Propofol verwendet oder nicht. Eine Histaminblockade dürfte bei den verwendeten Mengen an Propofol im Akutfall nicht ausreichen eine anaphylaktische Reaktion zu kupieren.

Im Zweifel verzichte ich auf Propofol und weichen auf andere i.v. Medikamente (Trapanal, Ketamin/Dormicum, Etomidat) oder gar eine volatile Einleitung mit Benzodiazepinaugmentation aus. Ich warte also noch, was DGAI und BDA zu diesem Thema raten.

In der Allergieanamnese fragen wir also nun in Zukunft nicht mehr nur explizit nach Schmerzmitteln und Antibiotika, sondern auch nach den „Kreuzern“ Banane/Avocado  (Latex), Ei und Soja, Birkenpollen und Erdnüssen (Propofol).

 

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