Was Sie schon immer über Hypothermie wissen wollten…

In nahezu jedem relevanten Regelkreis kommt es bereits bei milder Hypothermie (also 35,9 °C bis 32 °C!) zu empfindlichen Störungen!

MemoHypothermie unter 34°C macht Rhythmus- und Gerinnungsstörungen!

Normothermie     36°C – 37,5°C, Hypothermie beginnt entsprechend < 35,9°C

Wärmeverluste durch…

  • Konduktion (Unterlage, OP-Tisch, auch Verdunstungskälte der Desinfektionsmittel!)
  • Konvektion (Lufttemperatur/ -strömung/ – feuchtigkeit, auch Wärmeverlust an Atemgase (v.a. bei hohen Gasflüssen!)
  • Radiation (Wärmeabstrahlung)
  • Evaporation (Hautoberfläche und besonders Wundflächen!)
  • Medikation       die im Rahmen der Allgemeinanästhesie verwendeten Medikamente haben einen nicht unerheblichen Einfluß auf den Temperaturverlauf!
    • Infusion kalter Lösungen oder Blutprodukte (EKs!)
    • direkte Vasodilatation (Propofol, Volatila!) und Redistribution von warmem Kernblut in die Extremitäten
    • Dämpfung thermogenetischer und gegenregulatorischer Vorgänge (Muskelzittern (Relaxantien), zentrale Dämpfung durch Narkotika, Sympathikotonussenkung, Verlust der Vasokonstriktion), Schwellenänderung der körpereigenen Temperaturregulation (Opioide, Propofol, Volatila)

kardiovaskuläre Folgen

  • initial Sympathikotonusanstieg, Anstieg von Herzfrequenz, Schlagvolumen und arteriellem Blutdruck, damit von Wandspannung und Sauerstoffbedarf! Es kommt zur Vasokonstriktion in der Haut und im Splanchnikusgebiet, damit zur Nachlaststeigerung. AP/Infarktrisiko nimmt zu. 
  • EKG-Veränderungen < 34 °c:
    • Sinusbradykardie
    • PR-Intervall, QRS-Komplex und QT-Zeit verlängert
    • In tiefer Hypothermie bilden sich sogenannte J-Wellen (Osborn-Welle, „junction“ zwischen QRS und ST-Segment) aus.
  • verminderte linksventrikuläre Leistung – negative Inotropie
  • Flimmerschwelle sinkt, häufig Therapierefraktion, gehäuft VT
  • vermindertes Ansprechen auf Katecholamine/ Inotropika (REA!)

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respiratorische Folgen 

  • initial Bronchospasmen
  • später Tonusreduktion der Bronchialmuskulatur, Totraumzunahme
  • Abnahme der Diffusionskapazität für CO2, die Löslichkeit für CO2 und O2 im Serum ist erhöht. Der Sauerstoffverbrauch nahezu aller Gewebe ist erniedrigt. Linksverschiebung der O2-Bindungskurve, Sauerstoffabgabe an das Gewebe erschwert.
  • Zunahme des pulmonalvaskulären Widerstandes. HPV nimmt ab.
  • Abnahme des Atemantriebs

gastrointestinale Folgen

  • Leber – Blutgehalt erhöht, metabolische/ exkretorische reduziert – veränderte Pharmakokinetik hepatisch metabolisierter Medikamente
  • Pankreas – reduzierte Insulinfreisetzung, periphere Insulinresistenz – Hyperglykämie
  • GIT – Peristaltikreduktion bis zum Ileus, Schleimhautläsionen/-Ulcerationen

urogenitale Folgen/ Wasser-Elythaushalt

  • RBF und GFR sinken (Filtrationsfraktion idem), Diuresesteigerung, Polyurie, „Kältediurese“ durch gestörten Metabolismus der Tubulusepithelien (Reabsorptionsfähigkeit reduziert), Verlust der Konzentrationsfähigkeit durch v.a. verminderte Natriumrückresorption (Natriumdefizit & Hyperkaliämie).
  • Zunehmender transkapillären Flüssigkeitsstrom in den Interzellularraum, rel. Volumenmangel mit Hämokonzentration, Sludgebildung (Aggregationsneigung) – Mikrozirkulationsstörungen durch Viskositätszunahme.

neurologische Folgen

  • < 33 °C Kerntemperatur beginnende Sedierung, zun. Bewußtseinstrübung
  • < 30 °C Kerntemperatur Kältenarkose, zun. EEG-Amplitudenverlust, „burst supression
  • initial Reduktion des cerebralen Sauerstoffbedarfs/ CBF  und des cerebralen Blutflusses, mit zun. Hypothermie Hirnödemneigung und Blutflußregulationsstörungen mit Hypoxiegefahr. Permeabilitätsstörungen der Blut-Hirn-Schranke.
  • 36-34 °C spinale Hyperreflexie, <34 °C Hyporeflexie, NLG reduziert,

koagulatorische Folgen

  • Erhöhte Blutungsneigung < 34 °C
    • die chemische/ enzymatische Kaskade der Gerinnungsfaktoren verläuft temperaturabhängig!
    • Reversible Thrombozytensequestration im Portalkreislauf
    • Blutungszeit/PTT verlängert, Thrombozytenzahl/ Quick erniedrigt. Cave: DIC!
    • Viskositätszunahme
  • Gängige Laborverfahren detektieren ggf. die Problematik nicht, da sie bei 37 °C durchgeführt werden!

immunologische Folgen

  • erhöhte Inzidenz von Wundinfektionen (verminderte Perfusion der Haut durch Zentralisation?)
  • portale Leukozytensequestration, gestörte Phagozytosefähigkeit
  • Gel. Kälteagglutinine (IgM) gegen Erythrozytenantigene, teilweise bithermisch (Bindung in Hypothermie, Hämolyse bei Wiedererwärmung.

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Prophylaxe/ Therapie:

  • pre-warming vor der OP,
  • Vermeiden intraoperativer konvektiver/konduktiver Verluste & aktives Wärmen (Bair-Hugger, Wärmematten, gewärmte Decken, Vermeiden langen Aufdeckens)
  • Minimal-Flow Narkosen
  • gewärmte Infusionen und Blutprodukte
  • unnötige Narkosezeit minimieren („OP-Dauer“)
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